Sexuelle Belästigung, Diskriminierung und Machtmissbrauch innerhalb US-amerikanischer Tierrechtsorganisationen – und bei uns?

29. Jun 2018

Nick Cooney (ehem. Mercy for Animals), Paul Shapiro (ehem. Humane Society of the US – HSUS), Wayne Pacelle (ehem. HSUS), Hugo Dominguez (ehem. Direct Action Everywhere – DxE), Alex Hershaft (FARM) – allen wurde im vergangenen Jahr missbräuchliches Verhalten vorgeworfen. Mit Konsequenzen von alles-bleibt-beim-Alten bis zu Entschuldigungen und/oder Rücktritten (selten aber Einsicht). US-amerikanische Tierrechtsorganisationen bemühten sich, Richtlinien zu veröffentlichen, die klarstellen, dass sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch in der Organisation nicht geduldet werden. Melanie Joy schrieb als Reaktion im Februar 2018 einen eindringlichen Artikel in englischer Sprache zum Thema Sexismus in der Tierrechtsbewegung. (Siehe Zitat im Artikel-Titel und Linksammlung.)

Eine Kurzzusammenfassung würde den Ereignissen in den USA nicht gerecht, seht dafür bitte die Linksammlung im Anhang. Ein klares Fazit kann jedoch daraus gezogen werden: sexuelle Belästigung und Sexismus existieren in der Bewegung und werden noch verstärkt durch hierarchische Organisationsstrukturen. Leider sollte dieses Fazit niemanden überraschen. #metoo und die Recherche von correctiv.org zu sexueller Belästigung beim WDR zeigen, dass es hier noch massive Ungleichheiten in unserer Gesellschaft gibt. Sie zeigen zudem auch, dass die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, oft widerwillig und spät kommt. Häufig erst durch Berichte von Betroffenen, die die Belastung nicht mehr aushalten und durch Druck von Außen.

However, we were surprised and disheartened to learn about the extent of the sexual harassment problem within the movement, the many repeated allegations against the same individuals, and the apparent toleration of harassment at multiple organizations. animal charity evaluators

In der deutschsprachigen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung scheinen die Vorkommnisse aus den USA kaum bis gar nicht (öffentlich) verhandelt worden zu sein. Die einzigen beiden Berichte darüber wurden von einem tierrechtskritischen Pro-Zoo-Lobbyisten verfasst. ProVeg plant bisher nur die Übersetzung des Artikels von Melanie Joy.

Leider dürfen wir aber nicht einfach davon ausgehen, dass Menschen, die sich für Tiere einsetzen, automatisch sensibel für andere Diskriminierungsformen in der menschlichen Gesellschaft sind. Als Tierfabriken-Widerstand konnten wir dies selbst deutlich spüren, als wir auf Facebook einen Post zum Umgang der Polizei mit Geflüchteten in Ellwangen (zum Kontext: taz-Artikel) teilten. Auf diesen reagierten einige unserer «Follower» mit für uns klar rassistisch gefärbten Kommentaren. Und wendeten sich von uns ab als wir widersprachen, bzw. allein schon deswegen, weil wir uns zu einem («umstrittenen») «Nicht-Tier-Thema» positionierten. Zwar vertreten die betreffenden Leute womöglich nur Tierschutzziele und wünschen sich keine radikale Veränderung der herrschenden Mensch-Tier-Beziehung im Sinne von Tierrechten oder Tierbefreiung. Aber immer wieder müssen zumindest einzelne von uns auch erleben, dass Tierrechtler*innen rassistische und/oder sexistische Institutionen und Praktiken unterstützen.

Diskriminierung von und Vorurteile gegenüber Menschen (auf Grund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts,…) gehören genauso wie die Diskriminierung auf Grund der Spezieszugehörigkeit nicht in eine emanzipatorische Bewegung. Trotzdem gibt es sie – verankert in den Strukturen der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, sozialisiert und auch konditioniert wurden – und damit auch in uns. (Danke liebe/r Eltern, Schule, Medien, Fernseher, Politik, Kapitalismus, …). Die Frage ist daher nicht nur, ob wir diskriminieren, sondern häufig auch: wie viel diskriminieren wir, wie profitieren wir von Diskriminierung und sind wir uns dessen bewusst? Das darf (und muss fast zwangsläufig) zu Irritationen führen, denn hier werden meine/deine/unsere Weltsicht, meine/deine/unsere Identifikationen und meine/deine/unsere Privilegien in Frage gestellt.

Mit diesem Text wollen wir anregen, über bestehende Strukturen und Hierarchien nachzudenken, diese zu reflektieren und Fragen zu stellen – an sich / mich selbst und an die Strukturen, in denen wir uns bewegen – ganz gleich ob in einer NGO arbeitend oder sich ehrenamtlich engagierend. Nicht nur einmal, sondern kontinuierlich. Die Sensibilisierung für Diskriminierung geschieht nicht auf einmal, sondern ist ein Prozess, den es immer und immer wieder zu durchlaufen gilt.

Mögliche Fragen für die Reflexion:

  • Bin ich von Diskriminierung betroffen? Was macht das mit mir?
  • Denke ich manchmal: Damit geht es mir nicht gut, aber es ist ja für eine wichtige Sache (die Tiere)?
  • Bin ich (wirklich) der*die einzige Betroffene?
  • Werde ich gehört, wenn ich mich (kritisch) äußere?
  • Kann ich Diskriminierung in einem sicheren Raum ansprechen (ohne Angst vor Ablehnung, sofortigen Gegenvorwürfen, Jobverlust)?

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  • Bin ich sensibilisiert für Rassismus, Sexismus, Klassismus, Lookismus, Ageismus…?
  • Erkenne ich diese Diskriminierungsformen / informiere ich mich darüber, kenne ich Betroffene / die Perspektive der Betroffenen?
  • Nehme ich an Diskriminierung aktiv teil oder dulde sie? Was macht das mit mir? Was macht das mit anderen?
  • Welche direkten und indirekten Vorteile habe ich von Diskriminierung?
  • Wie reagiere ich, wenn ich auf diskriminierendes Verhalten angesprochen werde?

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  • Wie viele Frauen*, wie viele nicht-weiße Personen sind in meiner Organisation oder Gruppe aktiv, wie sind die Leitungspositionen oder die einflussreichen Rollen verteilt?
  • Was tun wir, um Klischees und ungleiche Chancen auch durch implizite Rollenbilder in unserer Organisation /Gruppe abzubauen und Menschen zu ermächtigen?
  • Was tun wir, um als Organisation oder Gruppe diverser zu werden?

Linksammlung (englisch):

https://nonprofitchronicles.com/2018/01/31/the-latest-metoo-and-the-animal-welfare-movement/ // https://medium.com/upfront-project/a-timeline-of-armetoo-c1f289dd343f – eine ganze Reihe von Artikeln, die die Ereignisse in den USA darlegen, letzterer mit einer ausführlichen Sammlung von Artikeln in einer Zeitlinie, ersterer gut geeignet um eine Übersicht zu erlangen über die Vorgänge in den USA um Nick Cooney, Wayne Pacelle und Paul Shapiro

http://veganwarriorprincessesattack.com/162-timesupar-covering-recent-public-allegations-abuse-harassment-animal-rights-movement-bearded-vegans/ – ein sehr ausführlicher Podcast, der die Vorgänge in den USA zusammenfasst und darüber hinaus Sexismus und Machtmissbrauch in der Gesellschaft und der Tierbefreiungsbewegung im Speziellen beleuchtet

Pattrice Jones – Only You Can Stop Men who Hurt Women from also Harming Animals – sehr lesenswert. “Sexual harassment and assault are at least as common within vegan and animal advocacy as within other realms of human endeavor, and possibly more so. […] I have literally lost count of the number of activists who have disclosed to me some injury done to them by a man in the movement.”

CANHAD – Coalition Against Nonprofit Harassment and Discrimination – u. a. von Lisa Kemmerer und Carol J. Adams, mit anonymisierten Berichten von Betroffenen aus Tierrechts- und Tierschutzorganisationen

http://caroljadams.com/carol-adams-blog/ – Carol J. Adams schreibt in ihrem Blog immer wieder über das Thema Sexismus in der Tierbefreiungsbewegung

https://talkinganimals.net/2017/11/dr-lisa-kemmerer-carol-j-adams-conversations-about-sexism-sexual-harassment-and-misconduct-in-animal-welfare/ – ein ca. 50 minütiger Podcast mit Interviews von Lisa Kemmerer und Carol J. Adams zum Thema, sehr hörenswert auch ein Interview der “Bearded Vegans” mit Carol J. Adams: http://thecommentist.com/bearded-vegans/bv98/ “Why are some people in the movement willing to deal with their privilege over other species but not their white privilege or their male privilege? […] Because those privileges are invisible to those who have them.”

lauren Ornelas“This is more outrageous when you consider our movement is predominately made up of women and the leadership skews male. You have young women who are put in uncomfortable situations and who might ignore their inner voices, telling themselves that these men are important. And when they listen to their inner voices and speak out, they are discouraged from doing so publicly because it could “hurt the animals” or worse, they are threatened with lawsuits.”

Dealing with Sexual Abuse in Our Community – vegan feminist network

sexual harassment and abuse in the animal rights movement – kurzes Video von Jake Conroy und Join Hannah

Kritik an der Organisations«kultur» von Direct Action Everywhere (US)

Melanie Joy – Addressing Sexual Harassment and Sexism in the Vegan Movement Through Raising Awareness and Honoring Dignity // sehr ausführlich legt Melanie Joy ihre Position und ihre Kritik an «oppression and privileges» in der Tierrechtsbewegung noch einmal im Mai 2018 in vier Aufsätzen dar: https://www.plantbasednews.org/post/dr-melanie-joy-launches-new-veganism-new-world-essay-series

Animal Equality US – Policy Prohibiting Harassment, Discrimination, and Retaliation

für Spender*innen: Tofurky hat einen diskriminierungssensiblen Kriterienkatalog veröffentlicht, den Organisationen erfüllen müssen, damit an diese überhaupt gespendet wird: https://tofurky.com/discrimination/

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