Puten

[Dies ist eine Zusammenfassung, die im Rahmen einer Stellungnahme gegen die Erstellung eines Flächennutzungsplanes für eine Kartzfehn/Aviagen-Puten-Elterntierhaltung in Brandenburg entstand. ALLE nicht-kursiven Textteile, bis auf den letzten Hinweis auf die Animal Rights  Watch-Recherche, stammen aus der deutlich längeren und ausführlicheren Veröffentlichen der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt!]

Elterntierhaltung

Quelle: Animal Rights Watch e.V.

In Deutschland leben rund 12,4 Mio. Mastputen in konventioneller Haltung. Rund 88 % dieser Puten werden in Mastbetrieben mit 10.000 und mehr Tieren gehalten.
Den Mastbetrieben vorgeschaltet sind Vermehrungsbetriebe, in denen Elterntiere zur Produktion von Nachwuchs – die zukünftigen Mast- oder Zuchttiere – gehalten werden, und Brütereien, in denen die Eier aus den Vermehrungsbetrieben in vollautomatischen Brutmaschinen ausgebrütet werden.

Bei der heutigen Putenmast steht die schnelle Gewinnung von Fleisch im Vordergrund. Eingesetzt wird dafür in Deutschland überwiegend die Hybridrasse »B.U.T. 6« (»Big 6«), die auch »schwere Zerlegepute« genannt wird – eine Bezeichnung, die sich nur noch auf die spätere Weiterverarbeitung bezieht. Die Tiere entstammen wenigen großen Zuchtunternehmen, die in der Dachorganisation Aviagen Turkeys vereint sind.

Von Mästern gewünscht – jedoch als hoch problematisch zu bewerten – ist bei den Puten dieser Hybridlinie die Gewichtszunahme: Während ein männliches Küken noch etwa 60 Gramm wiegt, beträgt sein Gewicht am Ende der Mast bis zu 21 kg – das entspricht einer 350-fachen Gewichtssteigerung. Sogar »Spitzenleistungen« von knapp 24 kg werden erreicht. Zum Vergleich: Ein Wildputer wiegt gerade einmal 5 kg. Und noch vor 30 Jahren wog ein Mastputer durchschnittlich 11 kg. Zudem problematisch ist die Überzüchtung auf einen überdimensionalen Brustfleisch-Anteil aufgrund von Verbraucherpräferenzen – die Brustmuskulatur macht letztlich bis zu 40 % des gesamten Körpergewichts aus.

Die Überzüchtung ist mit erheblichen gesundheitlichen Schäden für die Puten verbunden: Als Folge der Belastung durch das ungleiche Verhältnis von Muskulatur zu den inneren Organen und die Überbeanspruchung des Stoffwechsels versagt häufig ihr Körper.1

„Die Pute ist besonders überzüchtet“, sagt Martin Hofstetter, der seit Langem für Greenpeace die Landwirtschaft beobachtet. Da kämen selbst das Turbohähnchen, das Riesenschinkenschwein und die Hochleistungskuh nicht mit. Die Pute sei das beste Beispiel für den Schwund genetischer Vielfalt im Stall. Die Züchter selektierten nach wenigen Leistungsmerkmalen. Puten müssen schnell wachsen, kein Fett ansetzen, viel Muskelfleisch bringen. 1991 machte die Putenbrust noch 14 Prozent des Körpergewichts eines Tieres aus. Heute sind es fast 30 Prozent.

Die Agrarindustrie entdeckte die Putenmast spät, aber gründlich – mit strikter Arbeitsteilung: Weltweit beherrschen die drei Zuchtfirmen Aviagen und Willmar Poultry Company aus den USA sowie Hendrix Genetics (Niederlande) den Markt. Ihre Eier liefern sie an ein „Vermehrungsunternehmen“. Diese schicken ihre Eier zu „Brütereien“. Und erst diese verkaufen Küken an die Landwirte.

Die Pute machte Karriere, obwohl die Mast bald in Verruf geriet, wegen Einsatz von Antibiotika und Verstößen gegen den Tierschutz. Anfang der 80er aß jeder Westdeutsche 1,6 Kilo Pute im Jahr, heute sind es 6,1 Kilo.

In Deutschland gibt es nicht viel mehr als die zwei alten Wirtschaftsrassen „Bronze-Pute“ und „Cröllwitzer-Pute“. Weniger als 2000 insgesamt, auf kleinen Bauernhöfen. Sie fliegen abends in die Bäume, legen jedes Jahr Eier. Ihre Küken verstecken sie in den Brennnesseln, bis sie etwas größer geworden sind. Sie sinddas Gegenteil von dem, was die Lebensmittelwirtschaft als wirtschaftlich ansieht. Zu wenig Gewicht, zu langsam im Wachstum. Den gewünschten Ertrag bringen sie nicht.2

Im Anschluss an den Transport aus den Brütereien in die Mastbetriebe verbringen die Tiere ihre ersten Tage in sogenannten Aufzuchtringen, voneinander abgetrennte Bereiche, die nur mit Futterautomaten und Tränken ausgestattet sind. Dort müssen sich die Küken allein und ohne Elterntiere zurechtfinden. Damit sie ausreichend fressen, so früh wie möglich an Körpergewicht zunehmen und um Hungertode zu vermeiden, wird der Stall in den ersten Tagen bis zu 23 Stunden lang hell erleuchtet. Nach etwa einer Woche werden die Aufzuchtringe entfernt und den jungen Puten steht die gesamte Fläche zur Verfügung.

Putenmast

Quelle: Animal Rights Watch e.V.

Gemästet werden sowohl männliche als auch weibliche Masttiere (Truthähne/Puter bzw. Truthennen/Puten): nach Geschlechtern getrennt, in großen Hallen ohne Auslauf und mit jeweils mehreren Tausend Tieren pro Gruppe. Das dominierende Mastverfahren ist dabei die sogenannte Langmast (95 % der Putenmast in Deutschland), bei der die weiblichen Tiere nach 15-17 Wochen und die männlichen nach 19-22 Wochen geschlachtet werden. Die seltenere Kurzmast dauert bei beiden Geschlechtern nur 9-12 Wochen – diese Tiere werden meist als sogenannte »Baby-Puten« vermarktet.

Mit jeder Lebenswoche werden die auf körperliche Höchstleistung gezüchteten Tiere rapide größer: Ist das Platzangebot anfänglich noch verhältnismäßig groß, sind zum Ende der Mastperiode Besatzdichten mit bis zu 52 bzw. 58 kg Lebendgewicht pro m² (je nach Geschlecht) üblich – das entspricht fünf weiblichen oder drei männlichen Tieren pro m².

Im Zuge der intensiven Tierhaltung erfahren Mastputen regelmäßig folgende Schmerzen, Leiden und Schäden, die überwiegend durch die Überzüchtung (»Qualzucht«) und mangelhaften Haltungsbedingungen (z. B. eingeschränkter Bewegungsfreiheit) entstehen:

  • Erkrankungen des Skelettsystems (inkl. Beinschwäche)
  • Sohlenballengeschwüre oder Verätzungen an den Ballen
  • Brustverletzungen (Geschwüre und Entzündungen)
  • Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems
  • Atemwegserkrankungen
  • Verletzungen durch Artgenossen

Die Haltung und der Schutz von Mastputen sind in Deutschland, abgesehen von den allgemeinen Vorgaben im Tierschutzgesetz und in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, nicht speziell gesetzlich geregelt. Puten werden außerdem nicht (wie generell »Nutzgeflügel«) im Tierzuchtgesetz beachtet.

Auf nationaler Ebene wurde lediglich im April 2013 auf Basis einer älteren Eckwertevereinbarung aus dem Jahr 1999 die »Bundeseinheitlichen Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen« verabschiedet. Es handelt sich um eine freiwillige Selbstverpflichtung der Putenbranche, die auf rein politischer Ebene bisher nur von Niedersachsen per Erlass übernommen wurde.

In der freiwilligen Vereinbarung überwiegen allgemeine Formulierungen. Die Überzüchtung der Hybridlinien und damit zusammenhängende gesundheitliche Folgen für die Tiere werden nicht adressiert. Die Besatzdichten sind nach wie vor viel zu hoch angesetzt. Insgesamt kann sogar von einer deutlichen Verschlechterung im Gegensatz zur früheren Vereinbarung gesprochen werden:

Zuvor war eine Regelbesatzdichte von 45 kg/m² bei Truthennen und 50 kg/m² bei Truthähnen vereinbart. Diese Besatzdichte durfte nur in Ausnahmefällen auf max. 52 bzw. 58 kg/m² gesteigert werden. Jeder Halter, der sich dem neu beschlossenen aber unkonkreten Gesundheitsprogramm anschließt, darf sich an der höheren Besatzdichte orientieren.3

Im Herbst 2013 machte die Organisation Animal Rights Watch Aufnahmen in den Elterntierhaltungen der Kartzfehn GmbH. Da Puten sich aufgrund der Überzüchtung nicht selbständig fortpflanzen können, wird die Besamung von Putenvermehrern übernommen. Die Bilder zeigen Tiere, die mit den Füßen getreten und durch den Raum geschleudert werden. Einzelne Tiere weisen große Wunden auf, die von Mitarbeitern gesehen, aber nicht sofort behandelt werden:

http://www.ariwa.org/aktivitaeten/aufklaerung/videos/747-putenbesamung-video.html


1 Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, M. Pliquett und M. Reinke, Stand 4.8.2016: https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung/puten

3 Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, M. Pliquett und M. Reinke, Stand 4.8.2016: https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung/puten

Seite zuletzt geändert am 4. März 2018