Hühner

Moderne Hühner sind die Ergebnisse zielgerichteter Züchtung.1 Da Hühner von Menschen zu zwei verschiedenen Zwecken – Fleisch- und Eierproduktion – genutzt werden, wurden zwei verschiedene Hühnerarten gezüchtet. Während die einen besonders schnell besonders viel Fleisch ansetzen, bringen die anderen besonders hohe Legeleistungen. Der menschliche Nutzungsanspruch prägt so bereits die Körper der Tiere; die Bezeichnungen bilden die jeweiligen Funktionen ab: Fast jedes genutzte Huhn ist heute entweder ein „Masthuhn“ oder eine „Legehenne“.

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„Masthühner“ leben in den modernen Mastanlagen zu Zehntausenden in einer Halle. Sie werden als Küken aus der Brüterei in die Anlage gebracht und erreichen dort innerhalb von knapp fünf bis sechs Wochen ihr Schlachtgewicht.2 Pro Quadratmeter drängen sich über 20 Tiere.3 Die Hühner können nicht ungestört ruhen, ihren arttypischen Verhaltensweisen wie der Nahrungssuche oder dem Staubbaden nicht nachgehen, geschweige denn angemessen miteinander agieren und soziale Beziehungen pflegen.4 Gesäubert wird der Stall nur zwischen den Mastperioden, so dass die Hühner in ihren eigenen Exkrementen stehen. Fußkrankheiten sind die Regel; andere durch Turbomast und Enge verursachte Krankheiten und Leiden sind häufig.5 Nach Ablauf der Mastperiode werden die Hühner in Plastikkisten gepackt und zum Schlachthof gefahren, wo sie mit Gas oder im Elektrowasserbad betäubt, durch Kehlenschnitt getötet, entblutet, zerteilt und weiterverarbeitet werden.6

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Der Lebenszweck von „Legehennen“ ist die Eierproduktion. In der Natur dienen die Eier aller Vögel der Fortpflanzung. Die nicht-domestizierten Vorfahren heutiger Hühner legen zwei- bis viermal pro Jahr fünf bis zehn Eier, die sie in selbstgebauten Nestern ausbrüten. Durch gezielte Züchtung wurde der Bruttrieb heutiger Nutzhühner stark verringert sowie der Eier-Ertrag pro Huhn auf über 300 Eier pro Jahr gesteigert.7 In den meisten großen Tierfabriken leben die Hühner in Bodenhaltung, d.h. es sind mehrere zehntauend Hühner in großen Hallen, teilweise mit so genannten Volierensystemen. Die erlaubte Besatzdichte ist neun Hennen pro Quadratmeter, bei mehreren Etagen 18 pro Quadratmeter Bodenfläche. Ab einer Gruppengröße von ca. 50 Tieren können Hühner keine stabile Rangordnung mehr aufbauen; eine häufige Folge sind Verhaltensstörungen wie Federpicken, das sich bis zum Kannibalismus ausweiten kann.8 Um solche Verletzungen zu verhindern, wird den Hennen gewöhnlich im Kükenalter der vordere Teil des Schnabels abgeschnitten, was als äußerst schmerzhaft gilt und oft langfristige Leiden hervorruft.9

Kaum eine „Legehenne“ wird älter als etwa eineinhalb Jahre. Nach dieser Zeit lässt die Legeleistung nach und es ist am profitabelsten, die Hennen durch neue zu ersetzen.10 Die „verbrauchten“ Tiere werden getötet und gewöhnlich als „Suppenhühner« vermarktet. Ebenfalls nicht profitabel ist es, die männlichen Küken, die im Rahmen der „Produktion“ von Hennen für die Eierindustrie entstehen, aufzuziehen: Sie legen keine Eier und sind auch nicht zur Mast geeignet, da sie aufgrund der Züchtung zu wenig Fleisch ansetzen. Um die 50 Millionen Küken werden daher jedes Jahr im Alter von wenigen Tagen vergast oder geschreddert.11 12

  1. Zur Geschichte der Hühnerhaltung siehe Manfred Kriener, „Hühner, wollt ihr ewig legen“, in DIE ZEIT 14/2014.
  2. Siehe z. B. Wiki-Agrar-Lexikon, Stichwort „Masthähnchen“.
  3. In der sogenannten Kurzmast können Hühner bis zu 35 kg Lebendgewicht pro Quadratmeter Stallbodenfläche gehalten werden, das entspricht in der Endmast bei einem Schlachtgewicht von 1500 g einer Besatzdichte von 23 oder 24 Hühnern pro Quadratmeter. Bei anderen Mastmodellen kann die Besatzdichte auf bis zu 42 kg pro Quadratmeter erhöht werden. Vgl. Maisack, „Tierschutzrecht“, S. 203.
  4. Vgl. Maisack, „Tierschutzrecht“, S. 220 ff. Das Staubbaden sei wegen der hohen Tierzahl und der dadurch bedingten starken Verkotung und Durchfeuchtung der Einstreu schon ab der Mastmitte erheblich erschwert und gegen Mastende praktisch unmöglich.
  5. Vgl. Maisack, „Tierschutzrecht“, S. 220; Steffen Hoy (Hg.), Nutztierethologie, Stuttgart 2009, S. 222. Viele Hühner sterben bereits während der Mastperiode – zwischen 3 und 5 %; bei einem 20.000-Stall also 600 bis 1000 Hühner je Durchgang.
  6. Die verschiedenen Betäubungsverfahren bringen verschiedene Nachteile mit sich. In das Elektrowasserbad werden die Tiere getaucht, während sie kopfüber hängen; es kommt vor, dass sie aufgrund von Zappeln gar nicht eintauchen oder dass sie zu geringe Strommengen bekommen, um voll betäubt zu werden. Vgl. „Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren“, Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von Abgeordneten der Grünen, Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 17/10021, 15.6.2012.
  7. Vgl. Hoy, Nutztierethologie, S. 204 und 206 f.
  8. Es gibt weitere Faktoren, die diese Störung fördern: Hohe Besatzdichte, hohe Lichtintensität, ungünstige Klimaverhältnisse und Mangel an spezifischen Nährstoffen. Vgl. Hoy, Nutztierethologie, S. 220.
  9. Dieser Eingriff ist offiziell verboten, wird aber auf der Grundlage von Ausnahmegenehmigungen routinemäßig durchgeführt, siehe z. B. Sabine Petermann, Jörg Baumgarte, „Entwicklung des Tierschutzes in der Geflügelhaltung vor dem Hintergrund des niedersächsischen Tierschutzplans“, in der Publikation der Deutschen Veterinärmedizinische Gesellschaft e. V. zur 13. Internationalen Fachtagung zu Fragen von Verhaltenskunde, Tierhaltung und Tierschutz, Gießen 2013, S. 24.
  10. Vgl. Wilfried Brade u.a. (Hg.), Legehuhnzucht und Eiererzeugung. Empfehlungen für die Praxis, Braunschweig 2008, S. 14, 151.
  11. Die Zahlen, die in Medienberichten genannt werden, variieren zwischen 40 und 60 Millionen und sind wahrscheinlich anhand der Zahlen der Legehennen geschätzt, die das Statistische Bundesamt jährlich veröffentlicht.
  12. Der Text auf dieser Seite ist angelehnt an und teilweise identisch mit dem zuvor veröffentlichten Text von Friederike Schmitz: „Tierethik – Eine Einführung“, in dies. (Hg.): Tierethik, Berlin 2014.
Seite zuletzt geändert am 27. April 2016